Aus Mehemed Alis ReichÄgypten und Sudan um 1840vom Verfasser der Briefe eines Verstorbenen |
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Anmerkungen des
Webmasters:
1934 in Muskau/Berg
geboren, aufgewachsen im Park und in dem kleinen Städtchen, 1945 in der
grausam zerstörten Stadt kein Wohnrecht mehr bekommen, hat mich Muskau mit
allen seinen Seiten nie verlassen. Kindheitserinnerungen sind noch allzu
lebendig. Auch die Geschichte, die Menschen und das Museale der Stadt sind
mir wie in Kindesjahren gegenwärtig. So ist es sicherlich nicht
verwunderlich, daß ich mich jetzt dem Thema Muskau sehr zugewandt habe,
Bilder und Geschichten wieder lebendig werden, aber auch Fragen, auf die
man früher kaum oder nur unvollständig Antwort bekam, beantwortet werden
können.
Von der Persönlichkeit des Hermann Pückler-Muskau geht
wirklich Fascination aus. Über Pücklers Lebensart berichtet der Arzt Carl Gustav
Carus
"An der heiteren, zwar etwas kuriosen, aber doch eigentlich bedeutenden Individualität des Fürsten erfreute ich mich immer am meisten. Ich hatte ihm verschiedenen ärztlichen Rat zu erteilen und fand ihn da in der Stadt mitunter auf eine mir neue Weise in Toilettenmysterien vertieft, denn es ist bekannt, daß dieser Vielgereiste, der im Orient durch seinen schönen weißen Bart überall aufsehen erweckte, in europäischen Kreisen dagegen nur mit dunkelgefärbtem Haar und Bart zu erscheinen pflegte, und natürlich verlangt denn dergleichen mancherlei Vorbereitungen, in denen ich ihn somit zuweilen überraschte. Auf unserem Landhause dagegen hatten einst auch die Meinigen ihr Vergnügen an dem freien, ungenierten und doch durchaus feinem Wesen des vollendeten Weltmannes, den es nicht im mindesten stört, wenn er im Vorbeifahren am Hause seines Arztes absteigt und die Familie eben bei Tisch findet, der sich vielmehr gleich hinsetzt, es sich trefflich schmecken lässt und dabei den angenehmen Gesellschafter vollkommen zu machen versteht, um endlich ebenso schnell und gemütlich wieder zu verschwinden".
Heinrich HeineZueignungsbrief an Seine Durchlaucht,den Fürsten Pückler-Muskau [Christian Johann Heinrich Heine (* 13. Dezember 1797 in Düsseldorf als Harry Heine; † 17. Februar 1856 in Paris)] Die Reisenden, welche irgendeinen durch Kunst oder historische Erinnerung denkwürdigen Ort besuchen, pflegen hier an Mauern und Wänden ihre respektiven Namen zu inskribieren, mehr oder minder leserlich, je nachdem das Schreibmaterial war, das ihnen zu Gebote stand.
[Fürst Pückler verewigte sich in den
Mauern des Heiligtums "Römischer Kiosk" in der Nähe des
Löwentempels]
Sentimentale Seelen sudeln hinzu auch einige pathetische
Zeilen gereimter oder ungereimter Gefühle. In diesem Wust von Inschriften
wird unsre Aufmerksamkeit plötzlich in Anspruch genommen von zwei Namen,
die nebeneinander eingegraben sind; Jahrzahl und Monatstag steht darunter,
und um Namen und Datum schlängelt sich ein ovaler Kreis, der einen Kranz
von Eichen- oder Lorbeerblättern vorstellen soll. Sind den spätern
Besuchern des Ortes die Personen bekannt, denen jene zwei Namen angehören,
so rufen sie ein heiteres: "Sieh da!", und sie machen dabei die
tiefsinnige Bemerkung, daß jene beiden also einander nicht fremd gewesen,
daß sie wenigstens einmal auf derselben Stelle einander nahegestanden, daß
sie sich im Raum wie in der Zeit zusammengefunden, sie, die so gut
zusammenpaßten. - Und nun werden über beide Glossen gemacht, die wir
leicht erraten, aber hier nicht mitteilen wollen. Indem ich, mein hochgefeierter und wahlverwandter Zeitgenosse, durch die Widmung dieses Buches gleichsam auf die Fassade desselben unsre beiden Namen inskribiere, folge ich nur einer heiter gaukelnden Laune des Gemütes, und wenn meinem Sinne irgendein bestimmter Beweggrund vorschwebt, so ist es allenfalls der oberwähnte Brauch der Reisenden. - Ja, Reisende waren wir beide auf diesem Erdball, das war unsre irdische Spezialität, und diejenigen, welche nach uns kommen und in diesem Buche den Kranz sehen, womit ich unsre beiden Namen umschlungen, gewinnen wenigstens ein authentisches Datum unsres zeitlichen Zusammentreffens, und sie mögen nach Belieben darüber glossieren, inwieweit der Verfasser der "Briefe eines Verstorbenen" und der Berichterstatter der "Lutetia" zusammenpaßten Der Meister, dem ich dieses Buch zueigne, versteht das
Handwerk und kennt die ungünstigen Umstände, unter welchen der Autor
schrieb. Er kennt das Bett, in welchem meine Geisteskinder das Licht
erblickten, das Augsburgische Prokrustesbett, wo man ihnen manchmal die
allzu langen Beine und nicht selten sogar den Kopf abschnitt. Um
unbildlich zu sprechen, das vorliegende Buch besteht zum größten Teil aus
Tagesberichten, welche ich vor geraumer Zeit in der Augsburgischen
"Allgemeinen Zeitung" drucken ließ. Von vielen hatte ich Brouillons
zurückbehalten, wonach ich jetzt, bei dem neuen Abdruck, die unterdrückten
oder veränderten Stellen restaurierte. Leider erlaubt mir nicht der
Zustand meiner Augen, mich mit vielen solcher Restaurationen zu befassen;
ich konnte mich aus dem verwitterten Papierwust nicht mehr herausfinden.
Hier nun sowie auch bei Berichten, die ich ohne vorläufigen Entwurf
abgeschickt hatte, ersetzte ich die Lakunen und verbesserte ich die
Alterationen soviel als möglich aus dem Gedächtnisse, und bei Stellen, wo
mir der Stil fremdartig und der Sinn noch fremdartiger vorkam, suchte ich
wenigstens die artistische Ehre, die schöne Form, zu retten, indem ich
jene verdächtigen Stellen gänzlich vertilgte. Aber dieses Ausmerzen an
Orten, wo der wahnwitzige Rotstift allzusehr gerast zu haben schien, traf
nur Unwesentliches, keineswegs die Urteile über Dinge und Menschen, die
oft irrig sein mochten, aber immer treu wiedergegeben werden mußten, damit
die ursprüngliche Zeitfarbe nicht verlorenging. Indem ich eine gute Anzahl
von ungedruckt gebliebenen Berichten, die keine Zensur passiert hatten,
ohne die geringste Veränderung hinzufügte, lieferte ich durch eine
künstlerische Zusammenstellung aller dieser Monographien ein Ganzes,
welches das getreue Gemälde einer Periode bildet, die Ebenso wichtig wie
interessant war.Ich spreche von jener Periode, welche man zur Zeit der
Regierung Ludwig Philipps die "parlamentarische" nannte, ein Name, der
sehr bezeichnend war und dessen Bedeutsamkeit mir gleich im Beginn
auffiel. Wie im ersten Teil dieses Buches zu lesen, schrieb ich am 9.
April 1840 folgende Worte: "Es ist sehr charakteristisch, daß seit einiger
Zeit die französische Staatsregierung nicht mehr ein konstitutionelles,
sondern ein parlamentarisches Gouvernement genannt wird. Das Ministerium
vom 1. März erhielt gleich in der Taufe diesen Namen." - Das Parlament,
nämlich die Kammer, hatte damals schon die bedeutendsten Prärogative der
Krone an sich gerissen, und die ganze Staatsmacht fiel allmählich in seine
Hände. Seinerseits war der König, es ist nicht zu leugnen, ebenfalls von
usurpatorischen Begierden gestachelt, er wollte selbst regieren,
unabhängig von Kammer- und Ministerlaune, und in diesem Streben nach
unbeschränkter Souveränetät suchte er immer die legale Form zu bewahren.
Ludwig Philipp kann daher mit Fug behaupten, daß er nie die Legalität
verletzt, und vor den Assisen der Geschichte wird man ihn gewiß von jedem
Vorwurf, eine ungesetzliche Handlung begangen zu haben, ganz freisprechen
und ihn allenfalls nur der allzu großen Schlauheit schuldig erklären
können. Die Kammer, welche ihre Eingriffe in die königlichen Vorrechte
wenigstens klug durch legale Form bemäntelte, träfe gewiß ein weit
herberes Verdikt wenn nicht etwa als Milderungsgrund angeführt werden
dürfte, daß sie provoziert worden sei durch die absoluten Gewaltsgelüste
des Königs; sie kann sagen, sie habe denselben befehdet, um ihn zu
entwaffnen und selber die Diktatur zu übernehmen, die in seinen Händen
staats- und freiheitsverderblich werden konnte. Der Zweikampf zwischen dem
König und der Kammer bildet den Inhalt der parlamentarischen Periode, und
beide Parteien hatten sich zu Ende derselben so sehr abgemüdet und
geschwächt, daß sie kraftlos zu Boden sanken, als ein neuer Prätendent auf
dem Schauplatz erschien. Am 24. Februar 1848 fielen sie fast gleichzeitig
zu Boden, das Königtum in den Tuilerien und einige Stunden später das
Parlament in dem nachbarlichen Palais Bourbon. Die Sieger, das glorreiche
Lumpengesindel jener Februartage, brauchten wahrhaftig keinen Aufwand von
Heldenmut zu machen, und sie können sich kaum rühmen, ihrer Feinde
ansichtig geworden zu sein. Sie haben das alte Regiment nicht getötet,
sondern sie haben nur seinem Scheinleben ein Ende gemacht: König und
Kammer starben, weil sie längst tot waren. Diese beiden Kämpen der
parlamentarischen Periode mahnen mich an ein Bildwerk, das ich einst zu
Münster in dem großen Saale des Rathauses sah, wo der Westfälische Frieden
geschlossen worden. Dort stehen nämlich längs den Wänden, wie Chorstühle,
eine Reihe hölzerner Sitze, auf deren Lehne allerlei humoristische
Skulpturen zu schauen sind. Auf einem dieser Holzstühle sind zwei Figuren
dargestellt, welche in einem Zweikampf begriffen; sie sind ritterlich
geharnischt und haben eben ihre ungeheuer großen Schwerter erhoben, um
aufeinander einzuhauen - doch sonderbar! jedem von ihnen fehlt die
Hauptsache, nämlich der Kopf, und es scheint, daß sie sich in der Hitze
des Kampfes einander die Köpfe abgeschlagen haben und jetzt, ohne ihre
beiderseitige Kopflosigkeit zu bemerken, weiterfechten. -Die Blütezeit der
parlamentarischen Periode waren das Ministerium vom 1. März 1840 und die
ersten Jahre des Ministeriums vom 29. November 1840. Ersteres mag für den
Deutschen noch ein besonderes Interesse bewahren, weil damals Thiers unser
Vaterland in die große Bewegung hineintrommelte, welche das politische
Leben Deutschlands weckte Thiers brachte uns wieder als Volk auf die
Beine, und dieses Verdienst wird ihm die deutsche Geschichte hoch
anrechnen. Auch der Erisapfel der orientalischen Frage kommt unter jenem
Ministerium bereits zum Vorschein, und wir sehen im grellsten Lichte den
Egoismus jener britischen Oligarchie, die uns damals gegen die Franzosen
verhetzte. Daß das aufrichtige und großmütige, bis zur Fanfaronade
großmütige Frankreich unser natürlicher und wahrhaft sicherster Alliierter
ist, war die Überzeugung meines ganzen Lebens, und das patriotische
Bedürfnis, meine verblendeten Landsleute über den treulosen Blödsinn der
Franzosenfresser und Rheinliedbarden aufzuklären, hat vielleicht meinen
Berichten über das Ministerium Thiers manchmal, namentlich in bezug auf
die Engländer, ein allzu leidenschaftliches Kolorit erteilt; aber die Zeit
war eine höchst gefährliche, und Schweigen war ein halber Verrat.Bis zur
Katastrophe vom 24. Februar gehen nicht meine Pariser Berichte, aber man
sieht schon auf jeder Seite ihre Notwendigkeit, und sie wird beständig
vorausgesagt mit jenem prophetischen Schmerz, den wir in dem alten
Heldenliede finden, wo Trojas Brand nicht den Schluß bildet, aber in jedem
Verse geheimnisvoll knistert. Ich habe nicht das Gewitter, sondern die
Wetterwolken beschrieben, die es in ihrem Schoße trugen und schauerlich
düster heranzogen. Ich berichtete oft und bestimmt über die Dämonen,
welche in den untern Schichten der Gesellschaft lauerten und aus ihrer
Dunkelheit hervorbrechen würden, wenn der rechte Tag gekommen. Diese
Ungetüme, denen die Zukunft gehört, betrachtete man damals nur durch ein
Verkleinerungsglas, und da sahen sie wirklich aus wie wahnsinnige Flöhe -
aber ich zeigte sie in ihrer wahren Lebensgröße, und da glichen sie
vielmehr den furchtbarsten Krokodilen, welche jemals aus dem Schlamm
gestiegen. - Um die betrübsamen Berichterstattungen zu erheitern, verwob
ich sie mit Schilderungen aus dem Gebiete der Kunst und der Wissenschaft,
aus den Tanzsälen der guten und der schlechten Sozietät, und wenn ich
unter solchen Arabesken manche allzu närrische Virtuosenfratze gezeichnet,
so geschah es nicht, um irgendeinem längst verschollenen Biedermann des
Pianoforte oder der Maultrommel ein Herzeleid zuzufügen, sondern um das
Bild der Zeit selbst in seinen kleinsten Nuancen zu liefern. Ein ehrliches
Daguerreotyp muß eine Fliege ebensogut wie das stolzeste Pferd treu
wiedergeben, und meine Berichte sind ein daguerreotypisches
Geschichtsbuch, worin jeder Tag sich selber abkonterfeite, und durch die
Zusammenstellung solcher Bilder hat der ordnende Geist des Künstlers ein
Werk geliefert, worin das Dargestellte seine Treue authentisch durch sich
selbst dokumentiert. Mein Buch ist daher zugleich ein Produkt der Natur
und der Kunst, und während es jetzt vielleicht den populären Bedürfnissen
der Leserwelt genügt, kann es auf jeden Fall dem späteren Historiographen
als eine Geschichtsquelle dienen, die, wie gesagt, die Bürgschaft ihrer
Tageswahrheit in sich trägt. Man hat in solcher Beziehung bereits meinen
"Französischen Zuständen", welche denselben Charakter tragen, die größte
Anerkennung gezollt, und die französische Übersetzung wurde von
historienschreibenden Franzosen vielfach benutzt. Ich erwähne dieses
alles, damit ich für mein Werk ein solides Verdienst vindiziere und der
Leser um so nachsichtiger sein möge, wenn er darin wieder jenen frivolen
Esprit bemerkt, den unsre kerndeutschen, ich möchte sagen eicheldeutschen
Landsleute auch dem Verfasser der "Briefe eines Verstorbenen" vorgeworfen
haben. Indem ich demselben mein Buch zueigne, kann ich wohl, in bezug auf
den darin enthaltenen Esprit, heute von mir sagen, daß ich Eulen nach
Athen bringe.Aber wo befindet sich in diesem Augenblick der vielverehrte
und vielteure Verstorbene? Wohin adressiere ich mein Buch? Wo ist er? Wo
weilt er, oder vielmehr, wo galoppiert er, wo trottiert er? er, der
romantische Anacharsis, der fashionabelste aller Sonderlinge, Diogenes zu
Pferde, dem ein eleganter Groom die Laterne vorträgt, womit er einen
Menschen sucht. - Sucht er ihn in Sandomir oder in Sandomich, wo ihm der
große Wind, der durch das Brandenburger Tor weht, die Laterne ausbläst?
Oder trabt er jetzt auf dem höckerichten Rücken eines Kamels durch die
arabische Sandwüste, wo der langbeinichte Hut-Hut, den die deutschen
Dragomanen den Legationssekretär von Wiedehopf nennen, an ihm
vorüberläuft, um seiner Gebieterin, der Königin von Saba, die Ankunft des
hohen Gastes zu verkünden - denn die alte fabelhafte Person erwartet den
weltberühmten Touristen auf einer schönen Oase in Äthiopien, wo sie mit
ihm unter wehenden Fächerpalmen und plätschernden Springbrunnen
frühstücken und kokettieren will, wie einst auch die verstorbene Lady
Esther Stanhope getan, die ebenfalls viele kluge Rätselsprüche wußte -
Apropos: aus den Memoiren, welche ein Engländer nach dem Tode dieser
berühmten Sultanin der Wüste herausgegeben, habe ich nicht ohne
Verwunderung gelesen, daß die hohe Dame, als Ew. Durchlaucht sie auf dem
Libanon besuchten, auch von mir sprach und der Meinung gewesen, ich sei
der Stifter einer neuen Religion. Du lieber Himmel! da sehe ich, wie
schlecht man in Asien über mich unterrichtet ist! -Ja, wo ist jetzt der
wandersüchtige Überall-und- Nirgends? Korrespondenten einer mongolischen
Zeitung behaupten, er sei auf dem Wege nach China, um die Chinesen zu
sehen, ehe es zu spät ist und dieses Volk von Porzellan in den plumpen
Händen der rothaarichten Barbaren ganz zerbricht - ach! seinem armen
wackelköpfigen Porzellan-Kaiser ist schon vor Gram das Herz gebrochen! -
Der "Calcutta Advertiser" scheint der obenerwähnten mongolischen
Zeitungsnachricht keinen Glauben zu schenken und behauptet vielmehr, daß
Engländer, welche jüngst den Himalaja bestiegen, den Fürsten
Piukler-Miuskau auf den Flügeln eines Greifen durch die Lüfte fliegen
sahen. Jenes Journal bemerkt, daß der erlauchte Reisende sich
wahrscheinlich nach dem Berge Kaf begab, um dem Vogel Simurgh, der dort
haust, seinen Besuch abzustatten und mit ihm über antediluvianische
Politik zu plaudern. - Aber der alte Simurgh, der Dekan der Diplomaten,
der Exwesir so vieler präadamitischen Sultane, die alle weiße Röcke und
rote Hosen getragen, residiert er nicht während den Sommermonaten auf
seinem Schloß Johannisberg am Rhein? Ich habe den Wein, der dort wächst,
immer für den besten gehalten, und für einen gar klugen Vogel hielt ich
immer den Herrn des Johannisbergs; aber mein Respekt hat sich noch
vermehrt, seitdem ich weiß, in welchem hohen Grade er meine Gedichte liebt
und daß er einst Ew. Durchlaucht erzählte, wie er bei der Lektüre
derselben zuweilen Tränen vergossen habe. Ich wollte, er läse auch einmal
zur Abwechslung die Gedichte meiner Parnaßgenossen, der heutigen
Gesinnungspoeten; er wird freilich bei dieser Lektüre nicht weinen, aber
desto herzlicher lachen. -Jedoch noch immer weiß ich nicht ganz bestimmt
den Aufenthaltsort des Verstorbenen, des lebendigsten aller Verstorbenen,
der soviel Titularlebendige überlebt hat. - Wo ist er jetzt? Im Abendland
oder im Morgenland? In China oder in England? In Hosen von Nanking oder
von Manchester? In Vorderasien oder in Hinterpommern? Muß ich mein Buch
nach Kyritz adressieren oder nach Tombuktu, poste restante? -
Paris, den 23. August 1854
vom Verfasser der Briefe eines Verstorbenen |